Berlin, Berlin – Recap

Kater Pauli wollte sich nur schwer von mir trennen und blockierte stoisch die Wohnungstür – mit genau 6 Minuten Verspätung durfte ich aber in die Freiheit und die Reaktoren für den Hamburg-Berlin-Express konnten anfahren.

Jetzt stand ich also draußen vor der Tür, bereit die Starttaste meines Fahrradcomputers zu drücken. Wer einmal zur Wolfsstunde aufstehen musste, der weiß, dass sich die Laune zu dieser Zeit in Grenzen hält. Wenn man dann noch gezwungen ist, den Körper in Wallung zu bringen, wird es wahrscheinlich nicht besser. Come on, do it!

Und so bin ich um Punkt 2:51 Uhr losgerollt – durch ein gespenstisch leeres Hamburg. Alsterdorf, Ohlsdorf, Wellingsbüttel. Puh, das machte noch keinen Spaß. Die Beine fühlten sich an wie Pudding und es kam mir vor, als wäre mein Hinterrad blockiert. Ziemlich träge ging es über Volksdorf nach Ahrensfelde und Siek bis nach Lütjensee und Grönwohld. Raus aus der Stadt und immer tiefer rein in die absolute (!) Dunkelheit.

Fokus

Es war zwar mild und von oben sogar trocken, aber ich kam nicht richtig in Flow. Die Konzentration, die eine Nachtfahrt erfordert, ist nicht zu unterschätzen. Wenn man dann selbst noch nicht richtig wach ist, kann das zäh sein. In Lienau stellte ich fest, dass die Tasche auf meinem Oberrohr Schlagseite hatte und ich ständig mit dem Knie dagegen stieß. Sowas nervt ja richtig. Also habe ich notgedrungen angehalten, um die Klettverschlüsse neu zu justieren. Doch es wollte mir nicht gelingen, weil es einfach zu dunkel war und ich mit Handschuhen kein Gefühl hatte. Ich wollte auch eigentlich überhaupt nicht anhalten geschweige denn stehen bleiben. Kurzerhand habe ich das Ganze mit meinem Buff festgetüdelt. 

Ich musste nun auch unbedingt die Beleuchtung meines Computers einschalten, da ich sonst die Route nicht gesehen hätte.  Vor Mölln kam dann das erste große Waldstück (Landschaftsschutzgebiet Hevenbruch). Noch immer kein fremdes Lebenszeichen. Ein bisschen kam es mir vor wie eine Isolationshaft. War das hier wirklich real? Ich wünschte mir die Menschen und die Autos zurück.

Licht und Fernlicht funktionierten schon mal super, gleichzeitig fing aber auch mein Kopfkino an zu rattern. Zu viele schwedische Krimis hatte ich in den letzten Jahren gelesen und überhaupt ist das Leuchten in eine dunkle Landschaft hinein ziemlich spooky. Hat mich da gerade was angeblitzt, war das nicht ein  Schatten rechts neben mir im Graben? Drei, zwei, eins.. 300 Watt in die Pedale und nix wie raus aus diesem Wald. 

Bei so einem „Projekt“ fällt man ständig in eine radar-artige Vorausschau. Werden die Akkus reichen, macht das Rad eventuell Geräusche, stimmt der Luftdruck noch? Was machen die Beine, ist der Puls im unteren Bereich, gibt es ein Bauchgefühl, dem ich vielleicht Beachtung schenken sollte? Bin ich noch auf dem Track?
Kurz: Man hat eigentlich immer was zu tun. Eine Liturgie, die ständig von vorne beginnt.

Gegen vier Uhr konnte ich erste Anzeichen von Zivilisation riechen. Kaffee. Herrlich! Natürlich war ich nicht der einzige, der um diese Zeit zu Gange war. Die Bauernhöfe erwachten zum Leben und ich stellte mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich mich einfach mit an den Küchentisch setzen würde. Für einen Becher Kaffee und etwas Klönschnack hätte ich in diesem Moment sehr viel gegeben. 😊

Etwas sehnsüchtig mampfte ich meine erste Laugenstange belegt mit Käse, Gurken und Basilikum-Tomatenmark (Pro-Tipp) und ließ die Nacht damit etwas kürzer werden. Dazu etwas Pfefferminztee mit Honig…

Im zum Teil malerischen Wittenburg brannte bereits beim ersten Bäcker Licht. Gerochen hat man das natürlich auch. Yummie. Wenn das nicht mal gute Vorzeichen für den nahenden Tagesanbruch waren. Der klassische Sonnenaufgang fiel aber leider aus. Der Himmel blieb grau und verhangen. Aber tatsächlich war es irgendwann einfach hell.

Als vor Ludwigslust die erste Vollsperrung dazu führte, dass ich nicht weiter fahren durfte konnte, hat mich das ziemlich aus dem Konzept gebracht. Ich musste einen Riesenbogen von mindestens 10km fahren, es fing an zu regnen und ich fiel mental in ein Tief. Schwester Alex dirigierte mich zwar minuziös per Telefon, aber es war trotzdem anstrengend. Dann auch noch ein langer Feldweg mit grobem Schotter. Kacke. In Neustadt-Glewe war ich wieder auf dem alten Track. Es wurde aber überhaupt nicht besser. Immer noch Regen und der Wind kam natürlich von vorne. Die 15 Kilometer bis Parchim gingen quasi geradeaus. Boah, wer baut solche Straßen?!

Ich möchte das nicht.

Bereits bei der Routenplanung waren mir diese „Killer-Geraden“ aufgefallen, aber ich habe keine passend Alternativroute finden können. Zwei andere Dinge waren mir ebenfalls aufgefallen. 4% des Streckenbelags waren mit Schotter angegeben, weitere 4% ohne genauere Angabe. Auf einer Strecke von 400 km können diese Details aber ziemlich ins Gewicht fallen. Später mehr dazu.

In Parchim bin ich gleich zur ersten Tanke. Großer Kaffee und ein Croissant (esse ich normalerweise nie). 10 Minuten Zwangspause, ich musste nachdenken. So hart konnte und durfte es nicht weitergehen. Ging es auch nicht. Die Straßen wurden jetzt schmaler und hügeliger. Es waren noch immer lange Alleen dabei, aber der Verkehr hatte deutlich abgenommen und der Himmel riss auf. Das dritte Frühstück tat sein Übriges. Mental war ich bereits wieder „back on track“.

Ungefähr von KM175 – KM205 lief wieder alles wie am Schnürchen. Ich hatte Pink Floyd aufgelegt, war happy und richtig im Flow.

Hey you, out there in the cold
Getting lonely, getting old
Can you feel me?

Quelle: Strava / OpenStreetMap

Erst später habe ich begriffen, dass jetzt der lange Abschnitt mit der gestrichelten Route kam. Strichelung heißt Schotter, na und? Es war aber nicht nur Schotter, es war eine Art Hochuferweg und für einen Moment dachte ich, ich bin unterwegs zwischen Binz und Sellin auf Rügen. Links war der wunderschöne Plauer See und ich befand mich auf einer Art Plateau-Kraxelstieg. Alter Schwede, das war schon heftig. Kurven über Wurzeln und durch Sand und knöcheltiefen Matsch. Leider hatte ich heute ein Rennrad (!) dabei und noch 200 Kilometer Strecke vor mir. Und jetzt also Trails fahren und über umgestürzte Bäume klettern. Not sure I like it.

Suprise, Suprise

Irgendwo hier kippte die „technische“ Stimmung, denn ich musste feststellen, dass mein Hinterrad ziemlich platt war. Der Hochuferweg war noch immer nicht zu Ende (Stichwort 4%) und ich war bereits am Rattern. Was kann ich tun, wie würde Chuck Norris sich entscheiden?
Es kam wie aus dem Nichts ein Campingplatz. Leider war es „uns“ nicht möglich, eine ordentliche Pumpe zu organisieren. (Zu dieser Zeit war ich noch zu bequem, meine eigene auszupacken). Was zu dieser Zeit auch schon deutlich zu spüren war: Es war keine Flachetappe. Immer wieder ginge es zwar nur kurze, aber recht bemerkenswerte Stiche hoch. Ich gab also mein Bestes und fuhr weiter – schön mittig auf im Sattel, um keine weiteren Durchschläge zu riskieren.

Kein Profil zum entspannten Rollen / Quelle: Strava


In Malchow hatte meine Schwester einen (den einzigen) Radladen ausfindig gemacht. Als ich über Umwege endlich dort angekommen, hatte dieser geschlossen. Urlaub. Also hab ich endlich mein eigenes Zeug ausgepackt und den Reifen in 3 (drei) Minuten wieder zu seiner vollen Schönheit entfaltet. Jetzt aber schleunigst weiter. Waren (Müritz) war mein nächstes Ziel, da es der nördlichste Punkt der Tour war. Irgendwann dann… eine Shell-Tankstelle. Jippie. Mezzomix, Salamibrötchen und eine weitere Zwangspause. Das tat gut.

Glassplitter im Hinterreifen – ohne tubeless wäre schon lange Game Over

Hier fand ich auch mit Hilfe meiner Schwester und zwei Minuten vor der Mittagspause Zweirad Karberg. Endlich! 5 bar auf den Hinterreifen, frisches Öl auf die furzttrockene Kette und weiter Richtung Berlin. Dankeschön, Jungs.

Was ich allerdings nicht fand und erst heute beim Bike-wash entdecken sollte, war der Glassplitter im hinteren Reifen. Denn der Druck wollte einfach nicht längerfristig halten. Was am Anfang noch halbstündig passierte, kam immer schneller, immer häufiger pumpen also.
Derweil nahm ich unaufhaltsam Kurs auf den Müritz-Nationalpark. Die Wege wurden schmaler, einsamer und graveliger. Das war wunderschön. Aber so richtig Zeit zum Genießen blieb nicht. Es waren einfach noch zu viele Fragen offen.

Wälder wie in Tschechien oder Schweden.

Ich weiß nicht mehr, wie viele Kilometer es waren, aber es waren sehr viele. Kilometer, die ich nur im Wald fuhr. Immer hoch und wenig runter. Ein grandioses Netz aus geteerten Radwegen mitten durch MV und Brandenburg. Der betörende Geruch nach Kiefern. Leckere Pilze, die einfach am Wegesrand standen – krass. Und keine Menschenseele. I like!

Die verzweifelte Suche nach etwas zu trinken

Immer noch ein Aero-Bike

Leider hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon wieder lange nix mehr zu mir genommen. Mein Magen knurrte. Und die Flaschen waren auch so gut wie leer. Ich träumte von Kaffee und Kuchen – Mittagessen war ja schon ausgefallen. Aber die Hoffnung, eine Versorgungsstelle zu finden, schwand von Ort zu Örtchen. Also zog ich mir BLOKs rein. Das sind quasi Gummibärchen für Sportler. Tatsächlich sollte ich erst in Zehdenick (100km nach Waren) auf eine Tankstelle stoßen. WTF?! Ein Umstand, der mich etwas sprachlos machte. Schien Brandenburg doch ansonsten eine gute Infrastruktur zu haben. Und es sah echt nett aus hier. Überall Wasser, aber keins zum Trinken.
Der Tankstellenbetreiber begrüßte mich auch gleich mit einem herzlichen „Fahrrad abstellen verboten, kannste wohl nich lesen?!“
Ui, da mochte mich jemand nicht, soll es ja geben.

Klappbrücke in Liebenwalde

Mein inneres Radar kam nicht zu Ruhe, denn es gab noch eine potenzielle Engstelle in Liebenwalde. Quizfrage: Ist die Brücke auf oder zu? So richtig schlau wurden wir nicht aus den Informationen im Netz. Aber dann ging alles ganz schnell. Zuerst kam die Schleuse, dann die befahrbare Klappbrücke und ich war über den Finowkanal. Yes! Noch 35km bis Berlin. Jetzt war ich definitiv euphorisch. Und doch würde dieser letzte Abschnitt noch ganz schön schwierig werden.

11 km vor dem Ziel, die zweite Vollsperrung. Äußerst selbstbewusst und auf großem Blatt bin ich einfach reingeballert in die Baustelle, heute sollte mich nichts mehr stoppen oder etwa doch? Nach nur 700m das Urteil. Stopp! Es traf mich wie eine Faust in den Magen, aber hier würde ich nicht weiter fahren können. Scheiße. Über mehrere hundert Meter war die Straße komplett weggebaggert, es waren nur noch tiefe Sandgräben und meterhohe Absätze vorhanden. Aber noch nicht genug: in wenigen Minuten würde es zum zweiten mal an diesem Tag stockfinster sein. 

Dead end street

Also wieder zurück zur Hauptstraße und doch der Umleitung Richtung Oranienburg folgen. Meine Euphorie war nun der blanken Angst gewichen, denn ich fuhr auf eine Art Wald-Autobahn mit sehr dichtem Verkehr. Bämm, bämm, bämm.. Und die Autofahrer schienen sich gar nicht erst die Mühe machen zu wollen, mit etwas Abstand an mir vorbei zu rauschen. Bemerkenswert, wie stark sich der Wechsel des Bundeslandes in der Rad-Infrastruktur niederschlägt. Shame on you, Berlin. 🙁

Genau in diesem Moment gab der Akku meines Radars auf. Das Ersatzrücklicht war so gut wie nicht mehr zu erkennen. Scheiße! Und meinen platten Hinterreifen gab es ja auch noch. Unter voller Konzentration fuhr ich nach zwei Kilometern in eine kleine Nothaltebucht.
Ich musste jetzt vor allem Ruhe bewahren. Zuerst habe ich die Powerbank mit dem Radar verbunden, 5 Minuten sollten fürs Erste genügen. Dann habe ich meinen Reifen vorsichtig auf 2,5bar gepumpt. Und los. Immerhin kam ich jetzt wieder auf den ursprünglichem Track.
Ich versuchte mich zu beeilen. Dank der Salztabletten waren meine Beine nach wie vor in ziemlich gutem Zustand. Immer weiter. Mühlenbeck, Schildow, Berliner Ring. Wann kommt dieses verdammte Ortsschild?

Es kam, aber es zog sich. Und der Berufsverkehr an diesem Freitagabend war in vollem Gange. Mein Hinterreifen war mittlerweile komplett platt und ich fuhr nur noch im Stehen, also stark nach vorne gebeugt. Das Heck musste um jeden Preis entlastet werden, wenn ich die Felge retten wollte. Als ich den Botanischen Volkspark passierte, wusste ich, jetzt ist es nicht mehr weit. Die letzten fünf, vier, drei Kilometer und endlich ist es geschafft. Nach knapp 410km und mit leichter Verspätung. Ich bin daaah!

Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht.

Ein paar Zahlen…

DistanzWahoo: 409,52km
Garmin 421,9km
Höhenmeter1.552m
SchnittMax
Geschwindigkeit27,9km/h54,5km/h
Herzfrequenz130bpm164bpm
Trittfrequenz77rpm105rpm
Leistung156W681W
Fahrzeit in Std.14:41:44
Verstrichene Zeit in Std.16:49:59
Kalorien8.120
Temperatur11°
Luftfeuchtigkeit100%
Windgeschwindigkeit8,0km/h
WindrichtungSSW

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