Wir wollen doch gar nichts ändern!

„Mal eben mit dem Wagen in die Stadt…“

Es gibt Tage, da schalte ich weder Radio noch Fernseher ein. Tage, an denen ich mich den Nachrichten verweigere. Schlicht und ergreifend, weil ich sie nicht ertragen kann. Dicht gefolgt von Talkshows und Schlagzeilen, in denen die nächste Sau durchs Dorf Netz getrieben wird. Hysterie ist unser neuer Normalzustand.

Fakt ist: Uns geht es schlecht. Uns geht es sehr schlecht. Oder etwa nicht? Mit uns meine ich Deutschland. Das Land, das im Human Development Index bescheiden den 6. Platz belegt. Dessen Bürger im europäischen Vergleich aber noch immer ziemlich (!) wenig Geld für Nahrungsmittel ausgeben. Wieso auch, wenn Aldi so gute Preise aushandelt. Ein Drittel der Lebensmittel wird eh weggeschmissen. Gleichzeitig schimpfen wir aber auf die großen Bauern, die alles kaputt machen und dafür noch Subventionen erhalten. Wieso bloß?

Und jetzt wird gejammert. Alles ist so teuer. Und überhaupt ist das Glas immer halb leer… Kein Mehl, kein Sonnenblumenöl. Und immer wieder das heilige Benzin.

Nicht erst in den letzten Wochen stelle ich fest, wie enorm der Verkehr in und um Hamburg zugenommen hat. Praktisch zu jeder Tageszeit (zumindest immer dann, wenn ich auf dem Rad sitze) bin ich umgeben von vielen Autos. Autos, die immer größer werden (sehr populär: die G-Klasse von Mercedes). Autos, die immer geputzt sind. Wie kann das sein?

Lange Zeit waren es die Elektroautos. „Wir wollen CO2-neutral werden, also kauft bitte Autos ohne Verbrenner. Natürlich unterstützen wir euch dabei.“
Es ist ein Paradoxon. Jetzt, wo die fossilen Ressourcen knapp werden, lautet der Imperativ: „Kauft Sprit! Natürlich unterstützen wir euch auch hier.“

Das Prinzip Gießkanne

Für alle Autofahrer: Ab 1. Juni gibt es 30 Cent Zuschuss pro Liter Benzin. Und ein 9 Euro-Ticket für den Öffentlichen Nahverkehr noch on top. Jippie!

Als ich vorhin durch Schleswig-Holstein gerollt bin, konnte ich schon erste Schlangen an den Tankstellen sehen. Auch Kanister sehe ich immer wieder. Was in Summe spart man da eigentlich? Und wem nutzt diese lobby-getriebene Politik eigentlich? Der Pflegedienstmitarbeiterin mit ihrem Lupo bestimmt nicht.
Gleichzeitig sehe ich in diesen Tagen auch vornehmlich ältere Herren, die wie in den guten alten Zeiten mit dem Gasbrenner unterwegs sind und das Unkraut zwischen den Gehwegplatten entfernen. Nicht zu vergessen auch jene arme Spezies, die den kleinsten „Dreck“ mit dem benzingetriebenen Laubbläser beiseite fegen muss – schlicht und ergreifend, weil für den Besen kein Geld da ist.

Ich könnte jetzt weitermachen mit Kaminholz, für das in Rumänien Urwälder gerodet werden. Oder dem Pflanzen-„schutz“-mittel aus dem Hause Bayer, das auch in privaten Haushalten nicht ganz unverbreitet ist. „Der Spargel ist in diesem Jahr aber teuer.“

Wir wollen doch gar nichts ändern!

Es tut mir leid, aber ich muss hier vornehmlich gegen die „Alten“ bashen. Zumindest im Verkehr sind sie es, die sich am häufigsten über die Radfahrer aufregen, teilweise aber selber kaum noch eines Schulterblicks fähig sind. Und auch finanziell sind es gewöhnlich sie, die sich am wenigsten Sorgen machen müssten – bezahltes Haus, mehrere Autos und den Keller voller Vorräte – sich aber echauffieren, wenn 100g Schnitzel plötzlich 1,30EUR kosten.

Gleichzeitig leben allein in Hamburg 20 Prozent der Kinder [sic] unter der Armutsgrenze (Quelle: Kinderschutzbund). Die Tafeln erleben nicht nur in diesen Tagen Hochkonjunktur. Und wir, die privilegierte deutsche Mittelschicht, quaken bei jedem Zipperlein nach staatlicher Regulierung. Das ist erbärmlich.

Wir haben die Gabe, unangenehmen Dingen aus dem Weg zu gehen und uns selbst zu belügen, perfektioniert. Nur keine Veränderung. Es soll alles so bleiben wie immer.

Solange die Motivation zu Rücksicht oder Verzicht nicht intrinsisch – weil verstanden – ist, wird sich daran auch nichts ändern.

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