Auf der Rolle

Nach dem Workout // Miguel auf dem KICKR

Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, dass ich mal regelmäßig auf der Rolle trainieren würde – auch im Sommer – hätte ich ihn für bescheuert erklärt. Wie lässt es sich also erklären, dass ich in den letzten zwei Jahren alleine knapp 6.000km indoor gefahren bin?

Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Als wir in den 90er Jahren Rad gefahren sind, hatte natürlich auch jeder eine Rolle. Aber natürlich nicht solche Hightech-Teile wie „man“ sie heutzutage hat und sicher auch nicht zu Kaufpreisen im vierstelligen Euro-Bereich.

TDF oder den Giro auf VHS-Kassetten
Wir hatten eine sogenannte „Freie Rolle“ mit drei Achsen und einem Gummiriemen. Sonst nix. Und damit musste man irgendwie zurecht kommen, wenn es draußen gar nicht nett war. Den Widerstand regelte man direkt über die Schaltung seines Renners, soweit so gut. Aber zuerst musste man das freie Fahren lernen; das heißt, man musste sein Rad i.d.R. ohne Fixierung auf dem ca. 40cm breiten rollenden Untergrund balancieren.

Da so ein Training recht schnell recht stumpf werden kann, stellte man einfach ein paar Freie Rollen nebeneinander und guckte mit seinen Kumpels TDF oder den Giro auf VHS-Kassetten.
Tja und dann ist das so ähnlich wie beim echten Fahren: Es wird geklönt, es wird Quatsch gemacht und hoppla… es verliert jemand die Kontrolle über sein Rad – und fährt runter von seiner Rolle. Oh oh… Da konnte es schon mal passieren, dass ebenjener mit 40 Sachen in die gegenüberliegende HiFi-Wand geknallt ist. 🙂

Was hat das Fahren auf der Rolle von früher also mit dem Jahr 2022 gemeinsam? Nicht viel, außer dass es sich noch immer gut klönen lässt (dazu komme ich noch) und dass man noch immer sehr viel schwitzt.
Doch hier fängt der digitale Wahnsinn schon an. Heute hätten wird da z.B. den Headwind, ein Ventilator, der mit dem SmartTrainer gekoppelt ist und dessen Gegenwind sich je nach Leistung des Fahrers an die Geschwindigkeit anpasst.

SmartWhat?
Der Begriff Rolle wurde vor einiger Zeit durch SmartTrainer abgelöst. D.h. die rein mechanische Funktionsweise von Rolle und Schwungrad wurden digitalisiert, so dass Leistung und Widerstand intelligent gesteuert werden können. Einfaches Beispiel: Wenn’s bergauf geht, tritt es sich schwerer. Und noch besser: Wenn du in einer Gruppe fährst, gibt es auch einen wirklich spürbaren Windschatten. Das nennt man Draft.

Das wirklich Fundamentale: Man starrt nicht ins Leere oder auf ein grobkörniges Fernsehbild mit VHS-Playback. Man starrt auf scharfe Retina-Displays und sieht sich selbst als Avatar durch eine 3D-Welt ballern. Und na klar: Ohne Internet geht hier nix.

Sie nennen es Immersion
Ich war am Anfang sehr skeptisch, aber bereits nach 5 Minuten Test-Ride in einer alpinen Kulisse hat mich mein Gehirn mit dem Avatar verschmelzen lassen und ich wusste, das will ich haben. Bergab hab ich automatisch den Reißverschuss meines Trikots geschlossen.
Soll heißen: Sobald ich in die Pedale trete, tritt auch das Männchen auf dem Bildschirm in die Pedale. Und weil das in ziemlicher Echtzeit passiert, macht das super Spaß. Und es geht noch weiter. Natürlich ist man nicht alleine. Zu Stoßzeiten sind auch schon mal ein paar tausend Leute in einer „Welt“ unterwegs. Ebenfalls in Echtzeit. So ist es nicht unwahrscheinlich, dass du zusammen mit Fahrern aus unterschiedlichen Ländern zusammentriffst und mit denen auch ins Gespräch kommst. WTF?!

Sie nennen es Gamification
Damit aber noch lange nicht genug. Bei Zwift gibt es aktuell 50 Spielstufen (Level). Je öfter und länger du fährst, desto mehr Experience Points bekommst du und desto mehr Drops verdienst du. Damit kannst du dich entsprechend ausrüsten. So wie im echten Leben. Ein paar neue Laufräder hier, einen Aero-Helm da.
Neben diversen Trainingsplänen, gibt es mittlerweile auch echt viele Events (z.B. Group rides), an denen man teilnehmen kann. Besonders die Rennen finde ich spannend, da es hier richtig zur Sache geht. Und dann gibt es die WTRL (World Tactical Racing Leagues), bei der Teams aus aller Welt gegeneinander antreten. Die virtuellen Rennen werden dann live auf YouTube gestreamt. WTF?!

Es ist wirklich ein eigenes Universum und durch alle Features bin ich noch nicht durchgestiegen. Eins ist aber klar: Es wird ein wenig dauern, bis es auf der Rolle im Jahr 2022 langweilig wird.

Pauli war von Anfang an begeistert und scharf auf das TRON-Bike

In diesem Sinne: Happy Zwifting und Ride on!

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