Langstrecke

…oder die Stadtmaus besucht die Landmaus

Kurz vor Delmenhorst – point of no return

Gestern war es soweit. Die erste Langstreckenausfahrt auf dem neuen Rad. Dieses mal wollte ich nicht nur fahren, um irgendeine Distanz zu schaffen. Ich wollte die Gelegenheit auch nutzen, um alte Freunde zu treffen.

Und so entstand der Plan, meinen Kumpel Thomas im niedersächsischen Bramsche zu besuchen. Er war in den 90ern mein erster Rad-Mentor und hat mich für diesen großartigen Sport begeistert und auch zu den ersten Mountainbike-Rennen mitgenommen. Zudem teilen wir weitere Leidenschaften wie Jazz, vegetarisches Essen und haben mehr oder minder dieselbe Konfektionsgröße. 🙂

Naja und außerdem ist Thomas als Betriebsleiter von STEVENS der wohl beste Schrauber und Maschinenbauspezi, den ich kenne. Das lohnt sich immer!

Leider liegt Bramsche nicht um die Ecke. Höchste Zeit also, mal schnell runterzufahren. Er hat seit Kurzem ja auch sein neues Arcalis (das 18. Rad?). Einen Teil der Strecke wollten wir zusammenfahren – bei knapp 290 Kilometern war das nicht die schlechteste Idee.
Und so bin ich also los. Mit ganz leichtem Gepäck – bestehend aus 1 Kreditkarte, 1 Zahnbürste, 2 Flaschen, 2 Bananen, 3 Riegeln, 5 Salztabletten und ein bisschen Werkzeug. Da ich schon länger absoluter Tubeless-Verfechter bin, nehme ich gar keine Schläuche mehr mit.

Blick aufs Cockpit

Themen wie platte Reifen sollten aber auch gar nicht meine Tagesordnung bestimmen. Es war viel mehr das Wetter. Was streckenweise noch ganz herbstlich heiter aussah, entwickelte sich schon bald zu einer echten Herausforderung. Konstanter Wind aus Westsüdwest, also genau meine Fahrtrichtung und viele, viele Stunden Regen.

Erst kamen die Endorphine, dann die Zweifel

Grundsätzlich bin ich da recht schmerzfrei. Selbst die geschotterten und gepflasterten Waldpassagen in der Nordheide nahm ich mit einem leichten Grinsen. Aber als ich mit einem Schnitt von 30km/h und knapp 200 Watt (viel Arbeit) in Bremen ankam, hatte ich gerade mal 160 Kilometer auf der Uhr, also etwas mehr als die Hälfte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber schon eine Endorphinausschüttung (mit Heul-Flash) hinter mir und steuerte jetzt gnadenlos in die Phase der Ernüchterung. Ich war nass bis auf die Haut, komplett durchgefroren und definitiv etwas angezählt. Jetzt schon!
Was hatte ich mir da wieder ausgedacht? War das wirklich eine gute Idee zu dieser Jahreszeit? Ich konnte Thomas doch nicht einfach stehenlassen. Immerhin wollte er mir ab 14:45 Uhr 75km entgegenfahren.

In Delmenhorst musste ich feststellen, dass mein Hinterrad nur noch 2bar hatte. Oops, deshalb also war das so ein mühsames Gehacke. Die groben Untergründe hatten wohl ordentlich am Laufrad gerüttelt. (Andere hätten wahrscheinlich schon drei Schläuche durchgenudelt.) Just in diesem Moment kam ein Radladen auf 2 Uhr und ich konnte mich mit frischer Luft versorgen. 5bar und eine Cola später sah die Welt gleich viel besser aus.
Außerdem ging die Strecke jetzt für einige Zeit direkt nach Süden, so dass ich leichte Windkante fahren und etwas trocknen konnte. Als Thomas anrief, waren es noch 25km bis zum vereinbarten Treffpunkt. Sowohl bei ihm als auch bei mir. Es würde also eine Punktlandung werden. Die alte Schule. Das macht Freude! 🙂

Und so war es auch. Genau um 16:50 trafen wir in Twistringen beim Bäcker aufeinander. 10 Minuten Pause bei Kaffee und Rosinenbrötchen. Mehr Zeit war nicht. Denn es waren noch 75 Kilometer bei strammem Gegenwind und einsetzender Dämmerung. Wir mussten leider weiter.

Old friends

Sehen und gesehen werden

Das sind die Momente, die ohne Bike-Radar gar nicht mehr denkbar wären. Klar, wir sind auch große Strecken auf Radwegen gefahren. Aber hin und wieder musst du auf die Straße. Das heißt: einfädeln in einen dichten und aggressiven Verkehr. Ohne Radar müsstest du alle 5 Sekunden einen Schulterblick machen. Das ist undenkbar.

Wir sind sehr konzentriert gefahren, aber es war zäh. Endlos lange Geraden neben stark befahrenen Bundesstraßen oder tristen Äckern. Null Höhenmeter, kaum Kurven. Niedersachsen, wie es im Buche steht. Und dieser Wind. Boah…

In Diepholz war dann die Straße vollgesperrt. Kein Durchkommen. Trotzdem sind wir mühsam über den knapp zwei Meter hohen Absperrzaun geklettert. Aber bereits da kam mir das Ganze irgendwie komisch vor. Wer betreibt so einen Aufwand?
Nach 300 Metern war dann auch wirklich Schluss. Wir sind mitten in ein Feuerwerk-Setup geplatzt und die Kollegen aus der Pyrotechnick fanden das gar nicht lustig. ..Tschuldigung… Also wieder alles zurück und eine Alternativroute suchen.

Um 20 Uhr standen wir endlich (!) vor dem STEVENS Betriebsgelände in Bramsche. Noch immer regnete es und es war fast dunkel. Aber nur 10 Kilometer, dann würde auch dieser lange Tag im Sattel zu Ende gehen. Schuhe aus! Duschen! Pizza! Scheiße, war das hart heute.

Sieht doch ganz gut aus – STORCK meets STEVENS

Fazit:
Mein neues Rad hat sehr gut mitgemacht. Es gab zu keiner Zeit Probleme. Auch das leichte Gepäck hat völlig ausgereicht.
Die viel wichtigere Erkenntnis für mich selbst: Ich glaube, ich bin mental noch nicht bereit für eine 24h Tour und eine Distanz von 600km – vom unteren Rücken mal ganz zu schweigen. Zumindest nicht im Herbst. Schmerzhaft aber wertvoll. Es soll ja auch noch irgendwie Spaß machen. 🙂

Eine Antwort auf „Langstrecke“

  1. Sehr beeindruckend, mein Lieber, wie so oft bei deinen Unternehmungen. Man kann den Schmerz, aber auch die Sehnsucht nach Freiheit und Herausforderung beim Lesen spüren ☺️. Wünsche dir, dass du spätestens im nächsten Sommer die 600 angehen kannst. Hals und Beinbruch 😉.
    Dein Kumpel Armin

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